Ich höre es in letzter Zeit immer wieder: „Agil ist wegen AI tot.“ Auf Konferenzen, in Kundengesprächen, auf LinkedIn. Die Begründung ist meistens dieselbe: Wenn ein AI-Agent in zwei Stunden baut, wofür ein Team früher zwei Wochen brauchte, wozu dann noch Sprints, Standups und Retrospektiven?

Ich glaube, hier wird etwas verwechselt. Nämlich die Idee mit ihrer Verpackung.

Die zwölf Prinzipien, nochmals gelesen

Das Agile Manifest ist 25 Jahre alt. Es besteht aus vier Werten und zwölf Prinzipien. Ich habe die Prinzipien kürzlich wieder gelesen, diesmal mit der Frage im Kopf: Welches davon macht AI überflüssig?

Meine Antwort: keines. Im Gegenteil, mehrere werden erst jetzt richtig wichtig.

Funktionierende Software ist das wichtigste Mass für Fortschritt. Mit AI-Agenten ist Output billig geworden. Ein Agent produziert in einer Stunde mehr Code als ein Entwickler an einem Tag. Genau deshalb ist die Menge an Code kein Mass mehr für irgendetwas. Die einzige Frage, die zählt: Läuft es, und liefert es Wert? Das Prinzip war schon immer richtig. Heute ist es die einzige Verteidigung gegen den Berg an generiertem Code.

Einfachheit, die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren. AI produziert gern zu viel. Zu viele Abstraktionen, zu viele Optionen, zu viele Features, nach denen niemand gefragt hat. Weglassen wird zur Kernkompetenz. Wer der AI nicht sagt, was sie nicht bauen soll, bekommt alles. Dieses Prinzip passt zu meinem Motto: Keep IT simple.

Kontinuierliche Aufmerksamkeit für technische Exzellenz und gutes Design. Die Frage, ob generierter Code in zwei Jahren noch wartbar ist, wird nicht kleiner, sondern grösser. Wenn niemand mehr jede Zeile selber schreibt, muss jemand umso genauer hinschauen, wie das Ganze zusammenhängt.

Fachexperten und Entwickler arbeiten täglich zusammen. Hier liegt für mich der wichtigste Punkt. Früher war das Tippen der Engpass. Heute ist es die Unklarheit im Requirement. Ein AI-Agent setzt exakt das um, was in der Spezifikation steht. Wenn dort etwas fehlt, fehlt es auch in der Software. Die Zusammenarbeit zwischen Business und Entwicklung wird nicht weniger nötig, sondern zum eigentlichen Job.

In regelmässigen Abständen reflektiert das Team und passt sich an. Die Tools ändern sich monatlich. Was letzten Frühling noch die beste Vorgehensweise war, ist heute überholt. Ein Team, das nicht regelmässig innehält und sein Vorgehen anpasst, wird von der Entwicklung überrollt.

Ich könnte so weitermachen. Frühe und kontinuierliche Lieferung? Wird einfacher. Änderungen auch spät im Projekt willkommen heissen? Wird billiger. Nachhaltiges Tempo? Wird wichtiger, weil die Versuchung, das Team zu überfahren, grösser wird.

Was tatsächlich unter Druck kommt

Es ist nicht das Manifest, das stirbt. Es ist die Industrie, die darum herum entstanden ist.

Zertifikate, die man in zwei Tagen erwerben kann. Skalierungs-Frameworks mit Dutzenden von Rollen und Meetings. Story Points, Velocity-Charts und Burndown-Diagramme als Reporting-Instrument fürs Management. Sprint-Rituale, die man durchführt, weil sie im Framework stehen, nicht weil sie dem Team helfen.

Vieles davon war nie „agil“ im Sinne des Manifests. Es war Overhead, der die Langsamkeit der manuellen Entwicklung verwalten sollte. Zwei Wochen Sprint machen Sinn, wenn zwei Wochen die kleinste sinnvolle Einheit sind, in der ein Team etwas Funktionierendes liefern kann. Wenn eine Iteration nicht mehr zwei Wochen dauert, sondern zwei Stunden, fällt dieser ganze Verwaltungsapparat in sich zusammen.

Das ist es, was die „Agil ist tot“-Stimmen beobachten. Und sie haben recht. Nur ziehen sie den falschen Schluss.

Zurück zur Idee

Wenn ich die vier Werte des Manifests lese, klingen sie 2026 aktueller als 2001:

  • Individuen und Interaktionen über Prozesse und Werkzeuge. Ja, auch über AI-Werkzeuge.
  • Funktionierende Software über umfassende Dokumentation. Wobei ich hier eine Nuance anbringen möchte, dazu gleich mehr.
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden über Vertragsverhandlung.
  • Reagieren auf Veränderung über das Befolgen eines Plans.

Die Nuance bei der Dokumentation: Das Manifest sagt nicht „keine Dokumentation“. Es sagt, funktionierende Software ist wichtiger. Mit AI-Agenten verschiebt sich das Gewicht aber. Die Spezifikation ist nicht mehr ein Dokument, das nach dem Code geschrieben wird und dann veraltet. Sie ist das, was der Mensch beisteuert. Der Agent liefert die Umsetzung. Die Spezifikation ist der Input, nicht der Output.

Genau hier setze ich mit dem AI Unified Process an. Requirements und Use Cases als das, was der Mensch beisteuert, und zwar zusammen mit dem Business, wie es Prinzip 4 verlangt. Die Architektur entsteht im Team, wie es Prinzip 11 sagt. Das ist keine Abkehr vom Agilen Manifest. Es ist die Konsequenz daraus, wenn die Umsetzung fast gratis wird.

Fazit

Agil war nie ein Framework. Es war eine Haltung: Liefere früh, arbeite eng mit dem Kunden, halte es einfach, bleibe technisch sauber, und passe dich laufend an.

AI macht diese Haltung nicht überflüssig. AI macht sie zur Voraussetzung. Was verschwindet, ist der Apparat, den die Beratungsindustrie drumherum gebaut hat. Und ehrlich gesagt: Dem weine ich keine Träne nach.